Mittwoch, 23. Dezember 2015

Haciendas En Andalucía

Einar Schlereth (textos) y Peter Lembke (fotografías)

Traducción: Ana Asensio y Ernesto Fernández


Hacienda, esta palabra tan sonora nos hace pensar en épocas feudales, tierras ricas y lugares señorales. Éstas aún existen: en los alrededores de Sevilla, nuestro equipo de fotógrafos encontró esta bien cuidada estancia almenada y blanca que florece del barroco sevillano. En sus patios, puertas, en sus arcos, en sus ventanas han permanicido los orígines romanos y las influencias moriscas de forma perceptible e inalterable cuya función originaria era la del cultivo de la aceituna. Las clásicas haciendas, hoy día son propiedad de familias adineradas, y se alzan orgullosas como vestigios de tiempos pasados.
Nuestro objetivo eran las blancas y orgullosas estancias que podíamos observar entre olivares verdes y colinas interminables. Al principio pensamos que eran „Fincas“, pero con uns sonrisa compasiva, nos dimos cuenta de la confusión. Una Finca podía ser tanto un trozo de tierra como una casita, o igualmente hasta un ayuntamiento. Lo que teníamos ante nosotros ojos eran haciendas: lugares con depósitos para el cultivo y aprovechamiento de la aceituna. Además también están las Dehesas,para la industria ganadera, y los Cortijos que se especializan en el cultivo de los cereales. Pero estos lugares históricos, debido a los profundos cambios en la agricultura, difícilmente se pueden encontrar hoy día.
La Torre de Doña María, una de las más bellas haciendas se encuentra al sur, a 20 kms. de Sevilla, se alza sobre un terreno histórico. Su torre árabe pertenecía al conjunto de torres de alrededor de Sevilla, que anunciaban de la llegada de enemigos a la misma, con el sistema de alerta típico de la época de la Edad Media (AWACS=Airborne  Warning and Control System). Por la torre no sólo trepa hoy en día la hiedra, sino también una leyenda.

Foto: Einar Schlereth, autor del texto, en Dos Hermanas con su amigo Augusto Rembrandt (2008) Foto: Pedro Sánchez

Donnerstag, 19. Juni 2014

DIE MOHAWKS - AUF DEM KRIEGSPFAD GEGEN REYNOLDS & CO

Vor genau 25 Jahren wurde dieser Text gesendet, aber die Reise machte ich 1988 im Sommer.  Ich besuchte meine Schwester in Toronto, danach reiste ich mit einem Greyhound-Bus nach Cornwall, um die Mohawks zu besuchen und anschließend fuhr ich quer durch Vermont - ebenfalls per Bus - nach New York, um meine Tochter zu besuchen, die wie alle kids unbedingt nach dem Abitur in die USA wollte. 
Ihr werdet merken, dass es damals, trotz aller Unterdrückung und Missachtung von Mensch und Natur doch noch so etwas wie Optimismus und Zuversicht in die Zukunft gab.  Und das sogar unter diesen wunderbaren Menschen, den Mohawks, die ich auf Einladung besuchte, um diese Sendung als Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Obrigkeit und die verbrecherischen Industrie-Giganten zu schreiben. Aber schon damals pfiff sowohl die Regierung Kanadas wie der USA und Reynolds auf Recht und Gesetz. Reynolds verlor den Prozess gegen die Mohawks und wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Aber Reynolds dachte nicht im Traum daran zu bezahlen und die US-Exekutive nicht, sie dazu zu zwingen. Und genau diese Politik ist  heute in allen Bereichen durchgesetzt wurden.
Gleichwohl wird die Fackel der Hoffnung immer wieder aufgehoben und weitergereicht - von Generation zu Generation.

Radio Bremen
gesendet am 22.Januar 1989

DIE MOHAWKS - AUF DEM KRIEGSPFAD GEGEN REYNOLDS & CO

Einar Schlereth


In Cornwall an der kanadischen Grenze, kurz vor Montréal, stieg ich aus dem Taxi, überquerte zu Fuß auf der hochgespannten Brücke den mächtigen Lorenzstrom und gelangte NICHT in die USA, sondern in das Gebiet der Mohawk-Nation, wie mich ein riesiges Schild belehrte. Zu schön, um wahr zu sein. An der einsam gelegenen Grenzstation nahmen nicht indianische, sondern amerikanische Beamte meine Papiere in Empfang.

Sonntag, 23. Februar 2014

Die Erniedrigung


Novelle (Erstveröffentlichung)


Die Erniedrigung

Einar Schlereth

Du brauchst gar nicht so zu rasen. Kommst doch zu spät. Rasen! Zum Lachen! Mit meiner ollen Lambretta. 90 fuhr sie, wenn sie gut gelaunt war. Endlich die Elbbrücken. Nach zehn Stunden Fahrt. Mir war, als sei ich schon einmal im selben Moment, bei demselben Licht, bei demselben Wetter hier entlang gefahren. Nur in einem anderen Leben, einer anderen Zeit. Blödsinn! Du bist müde. Dies ist das erste Mal, aber deine Knie sind aus Kautschuk und Kohldampf hast du auch.

Diese Wolke, wie ein Elefant bei einer Zirkusnummer. Mit dem Arsch auf einem Podest und den Rüssel trompetend in der Luft. Und der Michel steht als Dompteur daneben. Paß jetzt auf, du Idiot. Wärst doch beinahe auf den Hänger aufgefahren. Der hätte nicht einmal etwas gemerkt. Und mir fiel die grauenvolle Geschichte ein von dem Lastwagenfahrer, der einen Herzschlag bekam und sofort tot war, als ihn ein Motorradfahrer ohne Kopf überholte.

Hauptbahnhof. Zehn vor fünf. Na Ja, kannst du doch noch schaffen. Ist ja unwahrscheinlich, jetzt noch einen Job zu bekommen. Aber man weiß ja nie. Gut wäre es schon. Könnte ich morgen früh gleich anfangen. Endlich der Bau aus gelbem Klinker. Das Studentenwerk. Abgestiegen und erst einmal die Wand festgehalten. Die Beine sind wirklich aus Kautschuk. Jetzt reiß' dich zusammen. Die Treppe hoch. Im Aufenthaltsraum kein Schwein, nur kalter Rauch, Aschenbecher voller Kippen, Papier und Dreck auf dem Boden und Brandlöcher von ausgetretenen Zigaretten. Im Büro sitzt nur der alte M.: “Nö, heute kann ich nichts mehr für dich tun. Aber schau mal draußen am Brett." Der alte Sack. Bestimmt hat der was in der Schublade. Hebt er auf für seine speziellen Freunde. Die alte Leier.
Das Brett! Als hätte da schon mal was Brauchbares gehangen! Na ja, früher mal, als die Zeiten noch besser waren. Die Löcher von den vielen Reißzwecken sind noch zu sehen. Aber jetzt! Ein paar verlorene Zettel, schon ganz gelb und verknittert von all den giftigen Blicken, die auf sie geworfen worden waren. Scheißjobs. Be- und entladen in der Brauerei, einsfuffzig die Stunde. Große Bierkisten schmeißen. Neun Stunden lang, aber mit Tempo. Nee, das ist nicht jedermanns Geschmack. Dasselbe bei der Alstermilch. Kenn ich. Damals mit José, der sich gleich in der ersten Stunde drei Kakao reinzog und dann aufs Scheißhaus flitzte und nicht mehr gesehen ward. Konnte mit seinem Dünnpfiff nachhause gehen, ohne Lohn versteht sich. Und was haben wir da noch? Ach ja, Rasenmähen und Teppichklopfen. Am Arsch der Welt. Zwei bis drei Stunden Knochenarbeit Und noch einmal so viel Fahrzeit und die Hälfte der Möpse geht fürs Fahrgeld drauf, wenn man es nicht rausschinden kann. Und idiotische Bürojobs natürlich, für die der Portier zu faul und der Chef zu blöd ist. Nee, danke.

Was für ein Schwachsinn. Da fährst du einmal quer durch die Republik, um einen anständigen Ferienjob zu ergattern und dann dies hier. Das hättest du auch in Freiburg haben können. Unsinn. Nicht einmal so etwas gabs dort. Die Stadt der pensionierten Beamten, der Generäle a.D., der Professoren und Assistenten und Pfaffen. Und jetzt stehst du vor diesem Brett. Was hast du hier nur zu suchen? Bist den ganzen Tag gefahren wie ein Bekloppter, kaum eine Pause gemacht. Hättest du besser den Bauch mal in die Sonne gehalten, die Nase von Blumen kitzeln lassen und mit dem Zeh in einem Mauseloch gestochert. Bei Kassel etwa, als die Sonne gerade durchkam. Aber nein,
dafür hast du keine Zeit gehabt. Aber jetzt hast du Zeit, um dieses Brett zu beglotzen, Und das Brett wurde immer größer, dehnte sich nach oben und unten, wölbte sich um mich herum, die Zettel wurden immer kleiner, trotzdem konnte ich die Schrift lesen, aber nicht verstehen, weil auf einmal ganz merkwürdige Zeichen daraufstanden, chinesische oder griechische oder kyrillsche oder was weiß ich und ich strengte mich an, sie zu entziffern, zu verstehen, als würde davon ein Traumjob in Bangkok oder Honolulu abhängen, während ich schon von Brettern umgeben und eingeschlossen war und ich plötzlich keine Luft mehr bekam und meine Beine wieder ganz weich wurden und die Augenlider so schwer.

Ich schaue auf und will gehen. Da treffe ich auf den Blick eines Mädchens, das nur zwei Schritte neben mir steht. Naja, eher schon eine junge frau. Ihr Kommen habe ich nicht bemerkt. Offenbar hat sie mich schon eine Weile beobachtet. Sie lächelt. "Entweder hast du einen Traumjob gefunden oder ..." - "Was oder?"- "Oder du träumst immer am hellichten Tag und dann wirst du niemals einen Job finden." -"Weder noch. Aber sag' mal, ist das hier immer so beschissen?" Sie verzog den Mund im Zweifel. "Nun, du mußt wirklich in aller Frühe hier sein, dann kannst du schon was erwischen. Aber im großen und ganzen steht es ziemlich schlecht." - "Hast du denn was?" - "Nein." Sie lachte. Schöne Zähne, ein schöner Mund und grau-grüne Augen, die mich verdammt kritisch musterten. Auch etwas spöttisch. "Und was machen wir beide 'Vom Schicksal Geschlagenen' jetzt? Ich jedenfalls habe einen verdammten Hunger."

Wir fuhren zum 'Espresso', dem Treffpunkt in Hamburgs Innenstadt gegenüber der neuen Oper. In dem Schlauch von einem Lokal waren kleine Tischchen mit zwei Stühlen entlang dem Fenster auf gereiht. So gemütlich wie ein Bahnhofsperron, nur nicht so zugig. Und vor allem nicht spießig. Jazzkeller und italienische Cafés waren die Kristallisationspunkte der unzufriedenen Jugend, wo man wenigstens zeitweise dem 1000- jährigen Mief
, der in der Adenauer-Ära unter anderen Vorzeichen seine Fortsetzung gefunden hatte, entkommen konnte. 0h ja, dieser Mief, der immer dichter wurde und sich quasi in der neuen Oper gegenüber materialisierte, deren Einweihung man nur mit einem Sprengsatz hätte feiern können.

Ich setzte mich ihr gegenüber. Wo hätte ich mich auch sonst hinsetzen sollen. Mich erstaunte die Sicherheit ihrer Bewegungen und Gesten. Nichts von dem üblichen gespreizten und gezierten Jungmädchengehabe. “She is a woman", dachte ich.

Ich bestellte Spaghetti und sie einen Sandwich. Wir tranken einen billigen Wein. Während ich mit den Spaghettis kämpfte, erzählte ich von Freiburg, diesem Kaff, das nur durch die Umgebung, die Weinstuben am Kaiserstuhl und seine Nähe zu Frankreich erträglich war - diese verdammten Spaghettis, warum habe ich nichts anderes bestellt - von der Jobsituation dort - jetzt baumeln sie mir schon wieder um Nase und Kinn - von meiner Fahrt auf dem Motorroller - wenn ich das Zeug nur endlich drunten hätte - und ich redete und redete und mit einem manchmal spöttischen Lächeln hörte sie mir zu.

Hörte sie mir überhaupt zu? Abrupt hörte ich auf zu quatschen. “Du hörst mir überhaupt nicht zu.” - “Doch, doch", sagte sie halbherzig und nahm meine Hand. “Ihr seid hoffnungslos, ihr Männer. Ihr stellt euren Sprachapparat wie ein Maschinengewehr auf und dann geht es los. Als müßtest du ein ganzes Früfungs-
kollegium niedermähen. Dabei sitzt doch nur eine Frau vor dir.” Ich mußte über ihren gelungenen Vergleich lachen. "Ihr Frauen seid auch hoffnungslos. Wenn man schweigt, dann heißt es 'Ha los, erzähl doch was, sitz nicht herum wie ein Klotz. Mein Gott, bist du langweilig. Ist es nicht so?" - "Nun, man muß halt in den richtigen Momenten schweigen und in den richtigen Momenten reden." Triumphierend schaute sie mich an.

"Ja, da hast du wohl Recht. Aber wer kann das schon? Ich glaube, das zu lernen, ist verdammt schwierig. Das ist wie mit der richtigen, schlagfertigen Antwort, die einem auch immer erst hinterher einfällt."

Ich hielt immer noch ihre Hand in meiner. Eine schöne, kräftige Hand. Die Finger meiner Rechten glitten über die blonden Härchen ihres Unterarms. Ich schaute ihrem aufregenden Spiel zu - wie sie sich aufstellten, wieder legten, wie eine leichte Gänsehaut entstand und wieder ging. Sie schaute zu und lächelte. Die Zeichnung ihrer Lippen geriet in Bewegung, die Linien flossen ineinander, bildeten Wirbel und Wellen und waren wieder da wie zuvor. Mit dem Finger zeichnete ich die Form ihrer Lippen nach. Ich sah in ihre Augen aus Grau und Grün und Gold und Gelb. Ganz obenauf schwamm das Verlangen. Aber gleich dahinter dehnte sich die Unendlichkeit des Alls, die tiefe, schwarze Unendlichkeit des Alls, wo nur alle Jahrmillionen mal ein Stern aufblitzte. Aber vielleicht waren es ja die goldenen Punkte ihrer Pupillen? Langsam, beglückend langsam neigten wir einander zu und küßten uns.

Es wurde ein endloser Spaziergang. Hinunter zur Alster, am Ufer entlang unter tausend Umarmungen und Küssen. Die Knie wurden weich und weicher, daß wir hätten hinsinken mögen, wäre da nur ein Bett gewesen - oder Menschenleere. Die Bäume, Häuser und Lichter, die Stadt und das Wasser, die
schwere Frühlingsluft und das Entenquaken, ihre Augen, der Mund und ihre Zunge, Sterne und Mond, alles wirbelte durcheinander und verschwamm wie in einem schweren Rausch. Als sie endlich den Schlüssel in ein Schloß steckte und umdrehte, hätte ich unmöglich sagen können, an welchem Ende der Stadt ich mich befand.

Sie sagte 'Komm', rannte die Treppen hinauf, schloß in aller Hast die Wohnungstür auf, ließ die Tasche fallen, stürmte weiter in ihr Zimmer, hatte die Jacke schon abgestreift, die Bluse aufgeknöpft, den Rock gelöst und gleichzeitig stiegen wir aus unseren Slips. Endlich konnten wir uns fallen lassen.

Nachdem der erste Sturm vorüber war und wir in der windstillen Zone trieben, leicht und schwer und träge zugleich, uns törichte Worte zuflüsterten, unsere Hände über die Körper glitten, wurde sie plötzlich sehr ernst.

Sie stützte sich auf den Ellenbogen, sah mir in die Augen und streichelte sanft meinen Mund.
"Ich muß dir eine Geschichte erzählen. Es war ein schlimmes Erlebnis. Damals wäre ich beinahe irre geworden an meiner Spontaneität. Richtig verstehen kann ich es heute noch nicht.

Weißt du, dergleichen wie jetzt, das erlebt man so selten und es ist phantastisch, wenn man sich nicht täuscht. Ich glaube einfach nicht, daß man getäuscht wird. Man täuscht sich höchstens selber. Ich begreife jene Frauen nicht, die sagen, daß sie das nicht könnten, daß sie einen Mann erst kennenlernen müßten. Da
kann ich nur lachen. Man erkennt sich sofort oder niemals.
Du weißt ja, schon in der Bibel ist von dem 'Erkennen' die Rede, was so viel heißt wie 'sie schliefen miteinander'. Ein schönes Wort. Aber ich muß dann immer daran denken, daß auch ich mich einmal täuschte.

Ich war in der in der Musikhalle. Die Brandenburgischen Konzerte wurden gespielt, mit dem Scherbaum, den ich über alles liebte. Er sah ein bißchen lächerlich aus. Oder harmlos mit seinem runden Kopf und seinen rosa Bäckchen. Aber wenn er spielte, bekam er einen ganz anderen Ausdruck. Voller Energie und er stand da wie ein Riese. Ja, wirklich.

In der Pause lernte ich einen Typ kennen. Er schaute mich mit einem Blick an, der mir durch und durch ging. Ich weiß nicht mehr, worüber wir redeten, nur noch, daß auch er wegen Scherbaum gekommen war. Es läutete und wir nahmen wieder unsere Plätze ein. Er saß zwei oder drei Reihen vor mir und schaute kurz her, als ich mich setzte.

Und dann wurde das 2. Konzert gespielt. Weißt du, es gibt Musik von Bach, wie das 2. Konzert oder einige seiner Fugen, bei der ich fast einen Orgasmus habe. Als schließlich der Scherbaum die Trompete zu dem wahnsinnigen Solo hob, da hatte ich wirklich einen Orgasmus. Bestimmt deshalb, weil mich dieser Kerl ganz verrückt gemacht hatte. Ich mußte mich ungeheuer beherrschen, um nicht laut hinauszuschreien und zu stöhnen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß es alle Leute um mich herum bemerkt hatten. Ich schämte mich wahnsinnig und wäre am liebsten auf und davon gerannt. Wenn ich nur gekonnt hätte.

Aber die Musik ging weiter und schleuderte mich aus meinem Sitz, bis ich unter der Decke zu schweben glaubte. Sie drang mir in den Körper bis in die Brustspitzen und tief in den Schoß - ach, du kannst das nicht verstehen. Ich mußte mich kneifen und zwicken, damit es mir nicht noch einmal kam.

Ich bin danach, niemals mehr in ein öffentliches Bachkonzert gegangen. Ich habe mir meine Lieblinssplatten gekauft und hörte sie mir zuhause an, wenn ich ganz allein war.

Irgendwann war das Konzert au Ende und ich war von meiner Qual erlöst. Wir hatten uns an der Garderobe verabredet. Noch während wir auf meinen Hantel warteten, küßten wir uns schon. Ich glühte und dachte, daß er auch merken würde, was passiert war, daß ich ganz naß war. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. Endlich hatte ich meinen Mantel und wir konnten hinaus und tief durchatmen und dann lagen wir uns in den Armen. Wir liefen an 'Planten un Bloomen' entlang. Er hatte den Arm um mich gelegt und ich fühlte mich zuhause und geborgen wie nie zuvor. Und ich hatte ein Glücksgefühl wie nie zuvor. Ich hätte sämtliche Klischees, die einen automatisch in den Kopf kommen, hinausschreien mögen und beschwören können, daß sie wahr seien. Man geht wie auf Wolken und das Herz klopft im Hals und die Sterne zwinkern dir zu und die Blätter flüstern nur für dich, du bist ganz besoffen vor Glück und fühlst dich erhaben über alle Menschen, du denkst nicht an morgen und auch nicht an gestern - aber nichts dergleichen habe ich gesagt, denn als angehende Germanistin wußte ich, wie lächerlich das im Jahr des Herrn 1957 geklungen hätte.

Ich hatte die Musik noch in den Ohren und war fasziniert, daß ein Mann, der fast 300 Jahre tot war, das Lebensgefühl eines Menschen in einer anderen Zeit, einer anderen Welt, so genau treffen konnte. Ich fühlte mich stolz und frei, ja befreit von dem Joch der Jahrtausende, niemandem Rechenschaft schuldig außer mir selber. Es war herrlich.

Unten am Stephansplabz wollte sich dann der Typ von mir verabschieden. Das traf mich wie ein kalter Windstoß. Ich hatte ganz selbstverständlich angenommen, daß wir zu mir gingen oder wohin auch immer. Ich hatte seinen Atem schon auf meiner nackten Haut gespürt, die Küsse auf meinem Körper, die Umarmungen und all das. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel gehabt.
Es stand einfach fest wie ein Naturgesetz. Ich wollte es mit jeder Faser meines Körpers, bis in meine Haarspitzen, bis in meine grauen Gehirnzellen hinein. Ich weiß auch nicht. So war es jedenfalls.
Es hätte mir zu denken geben sollen, daß er gehen wollte. Aber ich dachte nicht, ich sagte: "Ich möchte mit dir schlafen." Aber der wollte nicht. Erzählte etwas von einer Frau, in die er wahnsinnig verliebt wäre. Unglücklich verliebt, weil sie wohl seine Gefühle nicht erwiderte. Was weiß ich. Ich sagte: "Bitte, diese eine Nacht nur. Ich muß mit dir schlafen."
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hatte. Ich sagte das, obwohl ich wußte, daß ich schon verloren hatte. Vielleicht nur deshalb, weil es so weh tat. Ich weiß auch nicht, wie oft ich meine Bitte wiederholte. Es war jedenfalls alles vergebens. Wir trennten uns und ich ging nachhause mit brennender Scham. Ja, im doppelten Sinne.
Du glaubst gar nicht, wie erniedrigt ich mich fühlte. Obwohl ich mir immer wieder sagte, daß es nichts mit mir zu tun hatte, sondern mit dieser anderen Frau, und obwohl ich auch gesehen hatte, wie groß die Versuchung für ihn gewesen war, und auch seine Trauer hatte ich bemerkt - es half alles nichts. Ich persönlich hatte eine Niederlage erlitten. Und ich war zutiefst gekränkt.
Komisch nicht, dieser Typ. Nun ja, du weißt es ja schon, daß dieser Typ, daß du das warst.

Ich war wie vom Donner gerührt als ich dich dort an dem Brett stehen sah. Es wäre schön gewesen, so dachte ich einen kurzen Augenblick lang, wenn du mich angesehen und in die Arme genommen hättest. Und 'Endlich
! oder so etwas gesagt hättest. Ach, romantische Träume. Ich merkte auch gleich, daß du mich gar nicht wiedererkannt hast.

Und dann habe ich diesen Spiel gespielt. Zuerst wollte ich dir nichts erzählen, wollte die Geschichte heroisch für mich behalten. Aber dann dachte ich, daß es für mich und für dich besser wäre, dir alles zu sagen. Es ist ja auch eine verrückte Geschichte oder nicht?
Du warst lieb. Aber die Zeit läßt sich nun einmal nicht zurückdrehen. Es ist sowieso alles zu spät. Damals wäre es für mich wichtig gewesen. Vielleicht auch für dich, das weiß ich nicht. Aber es ist gut so. Und nun sei so lieb und laß mich bitte allein.”


Hamburg,
irgendwann in den 80-er Jahren

Donnerstag, 13. Februar 2014

FRAUEN UND EHE IN TANSANIA

Diese Sendung ist noch älter als die vorhergehende 'Canada North Now', nämlich von 1985. Ich hatte ja, als wir nach Tansania fuhren, zwei Verlagsverträge und zwei kleine Vorschüsse in der Tasche. Als wir 1981 nach 2 Jahren zurückkehrten, landeten wir mitten der großen Rezession und ich konnte die Verträge in den Papierkorb werfen. Ich stellte aus beiden Büchern 'Tansania - Menschen - Geschichte - Kultur' und 'Frauen in Tansania' ein Buch zusammen, was bedeutete, dass die andere Hälfte niemals das Licht des Tages erblickte. Einige Aspekte aus dem 2. Buch verwendete ich für diesen Rundfunk-Beitrag, den ich nach wie vor für gültig ansehe.
 

NORDDEUTSCHER RUNDFUNK, NDR 2, Familienredaktion

FRAUEN UND EHE IN TANSANIA

von Einar Schlereth

Für einen Mann ist es ein gewagtes Unternehmen, über Frauen in Tansania zu schreiben. Es wurde allein dadurch ermöglicht, dass ich mich in Begleitung meiner Lebensgefährtin Linda und unserer Tochter Solveig befand. Nur durch sie kam es zu den intensiven Kontakten mit alten Frauen, Mädchen und Ehefrauen in all den Dörfern, in denen wir zwischen 1979 und ’81 durchschnittlich drei Honate lang wohnten. Wäre ich allein gewesen, hätten die Kontakte einen anderen Charakter gehabt, doch nicht ganz so, wie sie die meisten Entwicklungshelfer pflegen.

Aber dies ist nicht die einzige Schwierigkeit. Tansania ist ein riesiges Land, ca. viermal so groß wie die Bundesrepublik, das aber nur ein Drittel von deren Bevölkerung aufweist. Diese 20 Millionen Bewohner gliedern sich in 127 nach Sprache, Sitten und Herkunft unterschiedene Völker. Ebenso extrem, sind Landschaft und Klima:

Von den Schneefeldern des Kilimanjaro bis zu den subtropischen Niederungen am Indischen Ozean, von den wüstenähnlichen Gebieten nordwestlich von Arusha bis zu den endlosen Sümpfen im Südosten, von den Masai-Steppen bis zu den gemäßigten Mittelgebirgszonen. Diese so verschiedenen klimatischen und geographischen Bedingungen haben die unterschiedlichsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme hervorgebracht.

Die Masai-Geseilschaft basiert atf Viehwirtschaft, die Washambaa in den Usambara-Bergen haben den bewässerten Gartenbau zu hoher Entwicklung gebracht, während in Feucht-und Trockensavannen extensive Landwirtschaft betrieben wird.

Durch den Kolonialismus - bis 1913 war Tansania Teil von Deutsch-Ostafrika, danach wurde es bis 1961 englisches Protektorat - wurden diese Gesellschaftsformen teilweise verstümmelt oder zerstört.

Doch die einschneidendste Umwandlung fand 7 Jahre nach der Unabhängigkeit statt, als Nyerere, erster Ministerpräsident Tansanias, mit dem Aufbau des Ujamaa-Sozialismus begann.

Durch den Rückgriff auf alt-afrikanische Formen gemeinschaftlicher Produktion versuchte Nyerere mehrere Probleme auf einmal zu lösen: Die Zusammenfassung der zerstreut lebenden Bevölkerung in Dörfern sollte den Aufbau einer verkehrstechnischen, sozialen und gesellschaftlichen Infrastruktur erleichtern. Das neue Dorf sollte zu einer Produktionsgrundeinheit werden durch gemeinschaftliche Bestellung der Felder, gemeinsame Viehhaltung und die Einrichtung von Handwerksbetrieben und Läden auf genossenschaftlicher Basis. Formal ist die Errichtung der Ujamaa-Dörfer landesweit abgeschlossen. Ein Großteil der Dörfer ist mit dem Straßennetz verbunden, die meisten Dörfer besitzen Schulen und Krankenstationen. Doch darin erschöpft sich bereits der Ujamaa-Sozialismus. Die Gemeinschaftsfelder und kooperativen Läden sind verwahrlost. Eine arrogante, korrupte und unfähige Bürokratie lähmt jede Initiative des Volkes. Nur 15 Jahre nach der Propagierung des Ujamaa-Sozialismus ist Nyerere in jeder Hinsicht gescheitert.

All dies macht es schwer, mit Verallgemeinerungen zu arbeiten.Ich habe deshalb weitgehend darauf verzichtet und lasse unsere persönlichen Beobachtungen für sich sprechen.

Frauen bei Seegrasernten auf Sansibar
Ganz allgemein, machten wir die gleiche Erfahrung, die die schwedische Journalisten Signe Höjer in ihrem Buch 'Frauenmacht-Geschlechterrollen in den Tropen' beschreibt:

„dass die europäische Auffassung von den Frauen in den meisten der sogenannten unterentwickelten Länder als unterdrückt, geknechtet und zurückgeblieben völlig falsch ist. Diese Auffassung haben wir von Kolonialadministratoren und Missionaren erhalten."

Ihren Zusatz aber, "daß dies im gewissen Sinne auf rein mohammedanische Gebiete zutreffe", fanden wir auf Sansibar mit seiner rein islamischen Bevölkerung nicht bestätigt.

Drei Honate lang lebten wir in dem Fischer-Bauern-Dorf Chwaka an der Ostküste der Insel. Anfangs schien alles ins Bild zu passen; in den Teestuben waren die Männer unter sich, die politischen Versammlungen waren Männersache und auch die Moscheen wurden fast ausschließlich von Männern besucht, fünfmal an Tag mit peinlicher Genauigkeit. Doch allmählich entdeckten wir, daß Männer und Frauen in ihren eigenen Sphären lebten, die sich formal kaum berührten, aber inhaltlich sich nur geringfügig unterschieden. Innerhalb ihrer Sphären handelten beide eigenverantwortlich, selbstbewußt und ökonomisch voneinander unabhängig.

Die Frauen fuhren alleine zum Fang von Krebsen, Seegurken und Muscheln hinaus, in einem Nachbardorf jagten sie sogar die gefährlichen Muränen mit Harpunen; sie arbeiteten alleine auf ihren eigenen oder den Familienfeldern, die häufig so weit entfernt liegen, daß sie mit Bus und zu Fuß für den Hin-und Rückweg mehrere Stunden brauchten; sie fahren alleine in die Stadt, um ihre Landwirtschaftsprodukte und Heimarbeiten - Stickereien, Nähereien oder Kokosschnüre - zu verkaufen; sie unternahmen häufig längere Reisen, um Eltern oder Verwandte zu besuchen, auf denen sie nur die Allerkleinsten mitnahmen, während sich der Ehemann um die älteren Kinder, die Küche und die Wäsche kümmern musste. Auch in unserem Haus, das außerhalb des Dorfes lag, besuchten uns viele Frauen und brachten Geschenke mit, ohne deswegen den Ehemann um Erlaubnis zu bitten.

Völlig aus dem Konzept gerieten wir, als wir herausfanden, dass es in jenem Dorf von ca. 1000 Bewohnern etwa 20 -30 Frauen gab, die, von ihren Männern geschieden, bewusst allein lebten. Eine von ihnen, Asha, lernten wir näher kennen. Diese schlanke, stolze Frau, die ihr Silberblick immer traurig erscheinen ließ, schilderte uns ihre Beweggründe:

"Ich will nie wieder mit einem Mann zusammenleben. Zweimal war ich verheiratet. Und was hat man davon? Ärger, Schläge und böse Worte. Das Gold goben sie für Trihkon aus und für andere Frauen. Aber du darfst das Haus nur zur Arbeit verlassen. Wenn das Essen nicht fertig ist, dann schlagen sie dich. Wenn du nur mal eine Freundin besuchst, dann schlagen sie dich. Und immer Zank und Geschrei und die bösen Worte. Ich konnte die bösen Worte nicht mehr hören.

Jetzt geht es mir viel besser. Ich habe mein Feld und mein Haus. Meine Kinder verkaufen jeden Tag gebackenen Fisch auf dem Markt, den ich vormittags zubereite. Manchmal kommt mich ein Mann besuchen und er bringt ein Geschenk mit und dann geht er wieder. Das ist viel schöner als vorher.”

Gewiß gab es einige Frauen – mit Männern sprachen wir nicht darüber - die die Alleinstehenden als 'schlechte Frauen’ bezeichneten, aber eine regelmechte Diskriminierung gab es nicht. Ich glaube kaum, dass bei uns Emanzipation und Toleranz in irgendeinem Dorf so weit gehen würden.

Die Neigung der Frauen, aus der Ehe auszusteigen und alleine zu leben, fanden wir in ganz Tansania, besonders in christlichen Gebieten. In Ndanda, einer Benediktiner-Mission im Süden des Landes, klagten die Padres, daß bei Mädchen und jungen Männern sogar die Tendenz zunehme, gar nicht erst zu heiraten.

Häufig konnten wir beobachten, daß die moslemische Vielehe harmonisch war, wenn die verschiedenen Frauen ihre eigenen Häuser und Felder hatten. Die Besuche den Mannes werden zeitlich genau festgelegt - bei jeder Frau bleibt er turnusmäßig 3 oder 4 Tage - und er ist dann quasi Gast der Frau, der er immer ein, wenn auch noch so kleines Geschenk mitbringen muss.

Das Zusammenleben klappte meist dann nicht, wenn die Ehefrauen mit dem Mann alle unter einen Dach zusammenleben müssen. Dann kommt es zu Streiterein und sogar zu schweren Auseinandersetzungen. Ihre Ursache ist häufig Eifersucht, die manchmal Frauen sogar zum Selbstmord treibt, wie es während unseres Besuches in Rujewa geschah.

In jenem Dorf im Westen Tansanias, inmitten einer endlosen Flussebene, erlebten wir auch das andere Extrem. Wir wohnten zur Untermiete bei einer afrikanischen Familie. Ramadhan führte mit einem uralten Lastwagen Transporte durch und besass daher ausreichend Geld, um seine Felder maschinell bestellen zu können; deshalb brauchte seine 18-jährige Frau Sauda nicht dort zu arbeiten. Sie war mürrisch, lieblos, faul und streitsüchtig, worunter am meisten die Kinder zu leiden hatte, ihre eigenen und besonders die Pflegekinder, die praktisch den ganzen Haushalt erledigten.

Doch 14 Tage nach unserem Einzug geschah ein Wunder. Baliati, die erste und wesentlich ältere Frau Ramadhans kam von ihrer Familie zurück und Sauda war unter ihrem gütigen und mütterlichen Einfluss wie umgewandelt. Den ganzen Tag redeten und lachten die beiden Frauen miteinander und die Arbeit ging ihnen wie von selbst von der Hand. Wir hatten auch den Eindruck, dass Ramadhan sich beim Trinken zurückhielt und nicht mehr ständig fremden Frauen hinterherjagte. Eine solche Idylle dürfte aber die Ausnahme sein.

Es ist relativ einfach, gegen die Vielehe zu polemisieren, aber schwierig, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Vor allem kann in einem Staat wie Tansania, in dem einheimische, moslemische und christliche Religionen ein empfindliches Gleichgewicht halten, ein Angriff auf die Polygamie leicht als Begünstigung der christlichen, d.h. eben einer westlichen Religion verstanden werden.

Außerdem hat die Monogamie für die Frauen oft schwerwiegende Folgen; die englische Anthropologin Julia Ballot nennt einige:
“Die heutige Entwicklung zur Monogamie – vor allem in den Städten – bedeutet in Afrika eine ökonomische und emotionale Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern und vor allem eine Arbeits- und Gesundheitsbelastung durch mehr Kinder. Da diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist, sollten den Frauen heute durch vernünftige Geburtenkontrolle die Möglichkeit gegeben werden zu entscheiden, wann und wieviele Kinder sie bekommen wollen.“

Ich möchte keine Missverständnisse aufkommen lassen und daher ausdrücklich die gerade erschienenen Ergebnisse der Internationalen Arbeitsorganisation - ILO - bestätigen. Die Frauen in der Dritten Welt leisten nach wie vor Schwerstarbeit. „In vielen Ländern tragen die Frauen den größten Teil zum Unterhalt der Familie bei, so in Lesotho und Kenia durchschnittlich 75 Prozent."

Aber auf Grund unserer Beobachtungen möchte ich behaupten, dass die Frauen in Tansania, vielleicht gerade weil sie so einen wesentlichen Beitrag zur Produktion leisten, freier und ungezwungener sind als die durchschnittliche deutsche Ehefrau, deren Fixpunkt im Weltall der Ehemann ist.

CANADA NORTH NOW - THE GREAT BETRAYAL Kanadas Norden jetzt - Der große Verrat


Diese Sendung lief im Sender Radio Bremen 1989 zur Zeit meines Freundes, des liebenswerten Dr. Bastian. Und das ist 25 Jahre her. Dieses Buch von Farley Mowat ist noch viel älter - es erschien erstmals 1967 und als Taschenbuch 1976 mit ganz wundervollen Fotos von Shin Sugino. Und zu meiner Freude sehe ich gerade, dass dieser wunderbare Mensch immer noch lebt und sehr munter aussieht mit seinen 92 Jahren . Er hat Dutzende von Büchern geschrieben, die in 52 Sprachen übersetzt worden sind. Mehr über sein abenteuerliches Leben könnt ihr hier auf Wikipedia erfahren. Er ist sehr aktiv in Kanadas Partei der Grünen, die noch nicht so heruntergekommen zu sein scheint wie bei uns. Das Faszinierende ist, dass dieses Buch nichts von seiner Frische und - vor allem - seiner Aktualität verloren hat. Das Traurige ist, dass alles noch viel schlimmer geworden ist. Ich möchte nicht wissen, was er zu dem Fracking zu sagen hat. Mal sehen, ob ich dazu etwas finde.


Radio Bremen 1989

Farley Mowat CANADA NORTH NOW - THE GREAT BETRAYAL

Kanadas Norden jetzt - Der große Verrat

Einar Schlereth


Nach, dreiwöchigem Kanada-Aufenthalt, hei dem ich einen kleinen Ausschnitt der Provinz Ontario - allein vier mal so groß wie die Bundesrepublik - gesehen hatte, werfe ich einen sehnsüchtigen Blick auf die Karte, dorthin, wo Kanada eigentlich erst anfängt, auf den Norden. Zum Trost drückt mir meine Schwester ein Buch in die Hand: 'Canada North Now' von Farley Mowat. Noch im Flugzeug fange ich zu lesen an. Die suggestive Kraft der Bilder und Beschreibungen nimmt mich sofort gefangen und ich bekomme gute Lust, auf der Stelle umzukehren.

Hier versuche ich das Buch auf deutsch als Geschenk zu erhalten. Ich finde heraus, daß von Mowats dutzenden Büchern seit 1948 immerhin 13 auf deutsch erschienen sind. Darunter sein erstes erschütterndes Buch 'Gefährten der Rentiere', das den langsamen Untergang eines kleinen Eskimo-Volkes dokumentiert. Aber - wie ich befürchtet hatte - gehört 'Canada North Now' nicht zu den übersetzten Werken. Seine Verleger hier mögen nicht mit der Ausrede kommen, es handle sich um ein kanadisches Problem.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Impressionen aus Kanada


Diese Sendung wurde für die NDR-Redaktion von Achim D. Möller produziert und am 25. November 1988 gesendet.


Impressionen aus Kanada

Einar Schlereth
Digitalisiert und unverändert (außer Tippfehler-Korrekturen) aufgelegt am: 25. Dezember 2013.


Kanada - das Land mit der sympathischen Flagge, rot weiß-rote Streifen und ein Ahomblatt, vergänglich und ewig zugleich;
Kanada - das Land der endlosen Wälder, der Tundren, der Schnee- und Eiswüsten, wo Karibus, Elche, Wölfe und Bären sich tummeln;
Kanada - das Land der zehntausend Seen, die voller Fische sind, wo Biber ihre Dämme, Burgen und Kanäle bauen;
Kanada - das Land der Wildwasser, das Paradies der Kanuten;
aber auch das Land der Indianer, Inuit und Trapper; auch die Hoffnung von Millionen Einwanderern und der Traum junger Kerle vom wilden Holzfällerleben, bei bei dem man säckeweise Geld verdient, wie auch ich einmal träumte.

Dieses Kanada - gibt es das? Ja - und nein.

Ich habe bei meinem Besuch im Sommer dieses Jahres im südlichen Ontario ein anderes Kanada gesehen und erlebt, das mich in vielerlei Hinsicht enttäuscht und bedrückt hat. Zuerst die allgegenwärtige ökonomische Vorherrschaft der USA. Zu allem Überfluß will dann der Ministerpräsident Mulroney, ein enger Freund Reagans, dem Land noch ein Freihandelsabkommen mit dem Nachbarn aufzwingen, das er selbst jahrelang erbittert bekämpft hat.

Die überwiegende Mehrzahl der Kommentatoren befürchtet, daß solch ein Abkommen dazu führen könne, den Zwerg Kanada im Schlund des gefräßigen Riesen USA verschwinden zu lassen. Zum Vergleich: in Kanada, das mit den USA eine gemeinsame, 5000 km lange Grenze hat, leben ca. zehnmal weniger Menschen als in den USA, und das kanadische Bruttonationalprodukt lag 1985 ungefähr dreizehnmal niedriger als das US-amerikanische.

Dies schreibt Michael Mundhenk, in Vancouver lebender langjähriger Kanada-Kenner. Wenn Lateinamerika von den Amerikanern gerne als ihr Hinterhof gesehen wird, dann Kanada gewissermaßen als ihr Vorgarten.

Sonntag, 17. November 2013

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung



Radio Bremen, 3. Programm, am 13. April 1983

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung

Einar Schlereth


1971 erschien in Frankfurt/M ein Reprint der 'Linkskurve', die zwischen 1929 und 1932 vom 'Bund Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller' - abgekürzt BPRS - herausgegoben worden war.

Zun zweiten Mal in diesen 12 Jahren gehe ich aufmerksam diese 4 Jahrgänge durch und zum zweiten Mal bin ich sicher, daß ich zu den beinahe 12 000 Leuten gezählt haben würde, die sie im Lauf der Zeit abbestellt hatten. Welch ein Elend! Und zwar in doppelter Hinsicht: die Zeitschrift selber und die allgemeine Situation.

Nach dem 1. Weltkrieg hat es mehrmals Chancen für Alternativen gegeben, ganz im Gegensatz zur Situation nach dem 2. Weltkrieg. Die Chancen, die es etwa im ostdeutschen Teil Deutschlands gegeben haben mag, wurden schnell im landjunkerlich-Zitzowitz'schem Schreber-und Strebertum erstickt. Aber damals - in den Zwischenkriegsjahren gab es zu jeder Zeit Alternativen, für die praktisch all die Jahre hindurch bei der Bevölkerung, aber auch im Parlament, eine solide Mehrheit vorhanden gewesen war. Doch weder die Führung der SPD, der USP, des Zentrums, noch die der KPD vermochten die Interessen des Volkes zu vertreten, sondern verfolgten enge parteipolitische Ziele, die nicht selten auf den eigennützigsten persönlichen und machtpolitischen Interessen basierten. Das Volk wurde mal wieder erst hinter's Licht geführt, bevor man ihm das Licht ausblies.

Nun ist es ja chic geworden, sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen: je nach politischem Standort war es eine Naturkatastrophe, eine Emanation des Bösen oder ein geschickt inszeniertes Gaunerstück der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Es erscheinen Tagebücher und Berichte Betroffener, Exil-Literatur, Dokumente und Analysen zuhauf. Aber dünn sind selbstkritische Analysen gesät, die sich mit den Fehlern der Linken - ich beziehe die SPD hier mit ein - ernsthaft auseinandersetzen und sich nicht etwa nur mit gegenseitigen Schuldzuschiebungen beschäftigen. Zumal Marxisten sollten doch wissen, daß der innere Faktor entscheidend, der äußere Faktor sekundär ist, und sie sollten Kritik üben, daß die Fetzen fliegen, aber bei sich zu allererst. Jürgen Kuczynski, einer der offiziellen Geschichtsschreiber der DDR, stellt aber den Marxismus auf den Kopf, wenn er behauptet: "Sicherlich spielen Fehler in der Strategie und Taktik immer eine gewisse Bedeutung. Aber sie waren nicht entscheidend. Entscheidend waren selbstverständlich die objektiven Ursachen."